Geschichte

Hotel & Restaurant Sieben Linden

Die offizielle Eröffnung des Hotel&Restaurant Sieben Linden am 17.06.2017 entließ unser Traditionshaus in eine neue Zukunft. Und das nach einer schon sehr beeindruckenden Vergangenheit von immerhin 124 Jahren.
Das Haus wurde in einem Ortsteil von Lauterbach bei Schramberg errichtet, das in den Anfängen „Silberberg“ hieß und danach bis heute „Sieben Linden“ genannt wird. Der Ortsteil wurde als „Kurzentrum“ der Gemeinde Lauterbach auf Grund des Wirkens und Schaffens des Arztes Dr. Ludwig Stemmer vor 120 Jahren geprägt.
Die Geschichte unseres Hauses ist also eng mit der Lebensgeschichte des Herrn Dr. Stemmer, besonders in den Jahren 1884 bis 1908 (seinem Todesjahr), verbunden, und darum möchten wir an dieser Stelle ein wenig über ihn und sein Schaffen für und in Lauterbach berichten.

Ludwig Stemmer wurde im Jahr 1828 als 8. Kind von 13 Kindern in eine katholische Metzger- und Wirtsfamilie im Gasthof der Eltern in Pfronstetten geboren. Wie in diesen Jahren üblich, starben einige seiner Geschwister schon in der frühen Kindheit. Ludwig selbst hatte als kleiner Junge einen üblen Unfall, wobei er sich einen komplizierten Knöchelbruch zuzog. Damals eigentlich das Urteil zum lebenslangen „Hinken“. Seine Eltern nahmen diese Behinderung zum Anlass, sich für Ludwig eine berufliche Laufbahn als Priester vorzustellen. Zum Erhalt des Erbes war es damals bei kinderreichen Familien üblich, einen oder mehrere Jungen in den kirchlichen Dienst zu geben. Als die Verletzung wider Erwarten doch gut ausheilte, blieb es dennoch bei dem Entschluss.
Es darf angenommen werden, dass der kleine Ludwig im Elternhaus schon früh Einblick in die Gastronomie bekam, und wie damals auch üblich, im elterlichen Betrieb tatkräftig geholfen hat.
Darum fiel es ihm später in seinem Leben als Kurarzt nicht schwer, seine Patienten in Lauterbach auch als Gäste zu sehen. Inwiefern er schon damals mit medizinischen Themen in Kontakt kam, kann nur vermutet werden. Sein Vater jedenfalls hatte während des napoleonischen Russlandfeldzugs als Regimentsmetzger die Aufgaben eines Feldchirurgen übernommen, übrigens damals sehr üblich… und sich dabei bestimmt auch entsprechende Kenntnisse angeeignet.

Die Eltern Stemmer taten alles, um ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu geben. Auch der kleine Ludwig besuchte, schon in Hinblick auf die geplante kirchliche Laufbahn, die Lateinschule, und absolvierte als begabter und fleißiger Schüler das württembergische Landesexamen. Dies bescherte ihm ein Stipendium für eine folgende höhere Schulausbildung, mit Abitur im Jahr 1848.
Planmäßig startete er ein Theologiestudium in dem katholischen Stift in Tübingen, allerdings verließ er nach persönlichen Auseinandersetzungen mit der Stiftsleitung die Institution sehr bald wieder. Dem intelligenten jungen Mann, der politisch an den Neuerungen der Jahre 1848/1849 im Nachzug der niedergeschlagenen Revolution sehr interessiert war, erschien der Aufenthalt dort offensichtlich unerträglich. Er blieb in Tübingen und studierte zuerst Botanik und Italienisch, auch verlobte er sich direkt in demselben Jahr. Seine junge Verlobte verstarb jedoch bald darauf an einem Lungenleiden. Ein erster persönlicher Schicksalsschlag, und vielleicht auch der Auslöser, schlussendlich Medizin zu studieren?

Lungenkrankheiten, hinter denen sehr oft die gefährliche Tuberkuloseinfektion steckte, war auf Grund fehlender Diagnose- und wirksamer Behandlungsmöglichkeiten eine tückische Krankheit. In den meisten Fällen zu spät erkannt, führte sie bei arm und reich, alt und jung schnell oder über die Jahre zum Tode. Nur bei rechtzeitiger Feststellung der Erkrankung konnten die Betroffenen hoffen, durch Luftveränderung, ausreichende Ernährung und viel Ruhe gerettet zu werden. Das galt natürlich nur für die Kranken, die sich eine solche kostspielige Kur-Behandlung leisten konnten.

1855 legte Ludwig Stemmer in Stuttgart das medizinische Staatsexamen ab, und ein Jahr später bewarb er sich erfolgreich um die Stellung als Distriktarzt in Schramberg. Schramberg zählte damals ca. 3.000 Einwohner, und der junge, engagierte Arzt war bald sehr beliebt. Als Mediziner experimentierfreudig entwickelte er schon damals erfolgreiche Methoden der „sanften Medizin“. Wichtig war dem jungen Distriktarzt auch die gesundheitliche Prävention durch Bewegung, und so gehörte er zu den Gründungsmitgliedern und Protagonisten des Schramberger Turnvereins.
Privat freundete er sich mit Erhard Junghans an, dem späteren Mitbegründer der gleichnamigen Uhrenfabrik. Und auf den Treffen der Schramberger Gesellschaft galt der junge Dr. Stemmer als lebenslustig, musikbegabt und witzig – allerdings nicht als fromm. Obwohl natürlich weiterhin katholisch, postulierte er zu dieser Zeit in zahlreichen Diskussionen sehr liberale Auffassungen an Stelle von Gottesglauben. Auch die Schramberger Damenwelt war von ihm überrascht, denn der junge Arzt machte keine Anstalten, sich für die eine oder andere „gute Partie“ zu interessieren.

Stattdessen überraschte Dr. Stemmer die Schramberger, als er im Sommer 1859 nach einem Urlaub in der Schweiz als frischgebackener Ehemann die 12 Jahre jüngere Rosalie, eine Calvinistin und Gastwirtstocher aus Zürich, als Braut heimführte. In den folgenden Jahren schenkte Rosalie ihrem Ludwig vier Kinder, von denen jedoch nur zwei überlebten. Die Ehe der Stemmers galt als überaus glücklich. Rosalie unterstützte ihren Mann auch bei seiner täglichen Praxis.
Nach 14 Jahren in Schramberg siedelte die Familie Stemmer nach Stuttgart über, wo das Ehepaar eine eigene Praxis für homöopathische Medizin eröffnete. Schon damals war diese Medizinrichtung umstritten, dennoch galt und gilt, wer heilt hat Recht. Und so liefen betuchte Patienten Dr. Stemmer in Scharen zu, bald galt er in Stuttgart und Umgebung als „Modearzt.
Doch das Glück war für die Familie nicht von langer Dauer, denn im Jahr 1871 verstarb die erst 31-jährige Rosalie an einer Bauchhöhlenschwangerschaft. Ein tragischer Schicksalsschlag für Ludwig und die beiden Kinder Hedwig und Eugen. Auch hier reagierte Dr. Stemmer anders als erwartet. Er suchte sich keine neue Frau, was für ihn ein Leichtes gewesen wäre, sondern richtete sein Leben auf die Erziehung seiner Kinder als alleinerziehender Vater ein. Neben seiner Praxis widmete er sich zu festen Zeiten und Tagen seinen Kindern. Heute normal, war das Ende der 17. Jahrhunderts absolut ungewöhnlich.

Auch spirituell hatten die Verluste seines Lebens etwas bewirkt. Dr. Stemmer wendete sich wieder dem katholischen Glauben zu, und integrierte hier auch seine Kinder.

Für eine unbeschwerte Zeit zu Dritt erwarb er 1876 in Lauterbach bei Schramberg ein Waldgrundstück am „Silberberg“, wo er ein Ferienhaus errichtete. Das Haus ließ er immer weiter ausbauen und auch mit Gästezimmern versehen. Einige seiner Stuttgarter Patienten benötigten Luftveränderung, und so lud er immer wieder Erholungssuchende in sein „Ferienhaus“, in die unberührte Natur mit bester Schwarzwald Klima nach Lauterbach ein.

Seine Frömmigkeit hatte Auswirkungen auf das Leben seiner Tochter Hedwig, die sich als junge Frau nach dem Besuch einer Klosterschule 1881 zum Eintritt in einen Schwesternorden entschloss, und auf diese Weise sozusagen auch aus seinem Leben trat. Ihr Bruder Eugen hatte sich für eine Karriere als Militärarzt entschieden.

Mit den Kindern aus dem Haus führte Dr. Stemmer seine spirituelle Suche weiter und nahm sein Theologiestudium wieder auf, das er 1883 abschloss. Als älterer Mann und Witwer die Priesterweihe zu erhalten, war allerdings nicht zu ungewöhnlich für die damalige Zeit, und so empfing Dr. Stemmer 1884 die Weihen empfangen konnte. Auch die Kombination Priester und Arzt war in damaliger Zeit nicht ungewöhnlich.

Schon während seines späten Studiums 1883 hatte Dr. Stemmer weitere Grundstücke am Silberberg in Lauterbach erworben und sein Ferienhaus ausbauen lassen. Nach seiner Weihe siedelte er dann endgültig nach Lauterbach, um hier als Priester zu leben und als Arzt zu praktizieren.

Er brachte sein langjähriges Wissen nun gezielt und konzeptionell ein und konnte seinen betuchten Patienten eine wirksame Kurbehandlung in Lauterbach anbieten Seine später als “Lauterbach Kur“ bekannt gewordenen Anwendungen waren eine Kombination aus Homöopathie, leichter Ernährung, Bewegung an frischer Luft, Achtsamkeit und Kaltwasseranwendungen. Bei seinem Zeitgenossen und „Kollegen“ Dr. Kneipp aus Wörishofen hatte er zudem sich von der Wirksamkeit der Kaltwassergüsse überzeugen lassen. Sein modern anmutendes Heilungskonzept basierte aber auch auf „Entschleunigung“, den nur mit viel Zeit und ohne Stress können sich die Selbstheilungskräfte des Körpers wirklich und nachhaltig entfalten.
Für die Bevölkerung von Lauterbach und Umgebung war Dr. Stemmer natürlich auch ein Glücksfall. Als Priester lebte er die Nächstenliebe und behandelte mittellose Menschen unentgeltlich. Er verstand aber auch, dass viele Krankheiten der ländlichen, oft bettelarmen Bevölkerung aus Ernährungsmangel entstanden. Und so versorgte er viele Familien in Not mit allem Notwendigen.
Die Kurtätigkeit in Lauterbach blieb natürlich für den Ort selbst auch nicht ohne Folgen. Letztendlich kurbelten die Kurgäste langsam aber sicher den Fremdenverkehr an. Schon 1890 hatten die umliegenden Gastwirte die Zeichen der Zeit erkannt und einen „Wirteverein“ gegründet.
Dr. Stemmers Gästehaus wurde sehr bald zu klein, und als Kind einer Wirtsfamilie dauerte es nicht lange, bis seine Schwester Magdalena und ihre Söhne Karl und Franz Schultheiß Unterstützung gaben.
Im Jahr 1893 wurde also unser schönes Haus, das gelbe Schlößchen am Ortseingang von Lauterbach, von Dr. Stemmer s Neffen errichtet und als „Kurpension Schultheiß“ direkt neben dem Kur-Anwendungshaus betrieben.
Im Verlauf der 1890er entstanden so vier Gebäude für Unterbringung und Anwendungen, die aus dem „Silberberg“ das Kurviertel Sieben Linden werden ließen.

Dr. Stemmer errichtete mit Genehmigung der Kirche eine private Gebetskapelle neben seinem eigenen Domizil, zu sehen direkt von unserem Haus aus oberhalb. Weiter oben, entlang des Wanderwegs, baute er die die Bergkapelle. Noch heute sind beide Kapellen beliebte Ausflugs- und Wanderziele, gelegen am „Lauterbacher Wandersteig“, in den man direkt hinter unserem Haus „einsteigen“ kann.
Die segensreiche Wirkung des Dr. Stemmer und der von ihm entwickelten „Lauterbach Kur“ wurden ihm durch die Anerkennung der Ehrenbürgerschaft im Jahr 1900 gedankt. Auch familiär durfte Dr. Stemmer sich durch die enge Verbindung an die Familie seines Sohnes Eugen wohlfühlen. Besonders sein Enkel Walther besuchte den Opa oft und gern in Lauterbach. Als Dr. Stemmer mit fast 80 Jahren altersbedingt schwächer wurde, verbrachte er mehr Zeit bei der Familie seines Sohnes in Stuttgart. So kam es dann, dass er 1908 auch in Stuttgart verstarb, und dort neben seiner geliebten Frau Rosalie begraben liegt.

Auch nach fast 100 Jahren ist Dr. Stemmer aus Lauterbach nicht „wegzudenken“, doch leider gabe es keinen medizinischen Nachfolger für ihn, die „Lauterbach Kur“ geriet so leider mit der Zeit in Vergessenheit.
Das große Kaltwasseranwendungsbecken musste der neuen Ortsdurchfahrtsstraße weichen, das Kurhaus wurde ebenfalls ein Gasthaus, und Dr. Stemmer s eigenes Haus hoch am Hang wurde privat bewohnt.
Kontinuität erlebte im Verlauf der Jahrzehnte allerdings unser Haus, das kleine gelbe Schlösschen. Es war und blieb bis heute ein gastlich und familiär geführtes Hotel und Restaurant.

Die jeweiligen Wirtsleute haben über die Jahrzehnte immer dafür gesorgt, dass zeitgemäße Änderungen und Modernisierungen durchgeführt wurden, ohne dabei den historischen und traditionellen Charakter des Hauses zu verändern. In den vergangenen 37 Jahren war es das Ehepaar Klein, das das als „Holzschuh“ weithin bekannte Haus mit viel Liebe und Gastlichkeit führte.

Darum freuen wir uns sehr, seit Februar 2017 in die Tradition dieses besonderen Hauses fortführen zu dürfen.
Seitdem hat sich schon viel getan im Hotel&Restaurant Sieben Linden. Ein kurz-, mittel- und langfristiger Restaurierungsplan wird mit Elan durchgeführt. Der Eingangsbereich, die Rezeption und die neue „Sieben Linden Gewölbe Bar“ sind komplett überarbeitet und verbinden modernes Design mit einer besonderen Gemütlichkeit. Der Veranstaltungsraum, der den Namen Dr. Stemmer Stube trägt, steht für private Feiern oder Seminare offen. Im Hintergrund sind die Küche und die Haustechnik komplett erneuert, und sukzessive folgen die Gästezimmer.

So erstrahlt das alte Haus in neuem Glanz, für die nächsten 125 Jahre Schwarzwälder Gastlichkeit in Lauterbach bei Schramberg.